Hippies

Die Wurzeln
Die Geschichte der Hippies ist untrennbar mit San Francisco verbunden. Die kosmopolitische und weltoffene Stadt an der Westküste der USA galt schon seit langem als tolerant und europäischer als andere Grossstädte der neuen Welt. In den fünfziger Jahren bildete sich dort die Vorläuferbewegung der Hippies: die Beatniks. Ein wilder Haufen, bestehend aus Schriftstellern und Dichtern wie Jack Kerouac, Allen Ginsberg, haightFrederic Corso, William Burroughs entdeckten einen neuen Hedonismus und die Ekstase des Lebens ausserhalb der Normen. Dazu gehörten sexuelle Ausschweifungen ebenso wie Drogenerfahrungen und Alkoholexzesse. Sie bezeichneten sich als die „geschlagene“ (beat = Schlag) Generation, von daher wurde die Bezeichnung Beatniks (die sich auch „Hipster“ nannten) abgeleitet. Die Beatniks waren viel unterwegs, das erschliessen neuer Horizonte war das Gebot der Stunde, und San Francisco entwickelte sich zu einem Treffpunkt mit zahlreichen Buchläden und Cafés. Ihre grosse musikalische Liebe war der heisse Be Bop-Jazz von Dizzy Gillespie, Miles Davis und John Coltrane. Mit seinem Roman „On The Road“ machte Jack Kerouac die Beatniks über Nacht berühmt; plötzlich war diese kleine Subkultur in den Mittelpunkt des allgemeinen Interessens gerückt. Die grosse Aufmerksamkeit sorgte dafür, dass einzelne Autoren reich und berühmt wurden. Die Bewegung selber zerfiel daraufhin schnell und machte etwas neuem Platz. In San Francisco blieb eine Hipster-Szene erhalten, die dann Mitte der sechziger Jahre zur Keimzelle der Hippies mutierte. San Francisco, immer noch Magnet für Aussteiger, Künstler und Andersdenkende, wird zum Geburtsort einer neuen Bewegung mit ungeahntem Potential.
Die Sechziger waren eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs. In den USA und in Europa bildete sich schon gegen Ende der fünfziger Jahre eine kaufkräftige und konsumfreudige Mittelschicht heran, deren Kinder nun zunehmend zur demographischen Mehrheit wurden. Die aufblühende Hippieszene war eine relativ gut organisierte Subkultur, hauptsächlich zusammengesetzt aus Studenten und Künstlern. Im Stadtteil Haight Ashbury waren die Mieten besonders für junge Leute erschwinglich, und so bildete sich langsam eine Szene um diese Strassenzüge herum. Die Beatles und die British Invasion hatten die Popkultur auch in Amerika zum Massenphänomen gemacht, mit dem Avalon Ballroom und dem Fillmore besass die Szene gleich zwei wichtige Konzertlokale wo all die neuen aufregenden Bands ihre Musik unters Volk bringen konnten.
Die Gegenkultur suchte Ehrlichkeit, körperliche Freude, freie Liebe und den Geist des Experimentellen. Viele lebten in Wohngemeinschaften (Kommunen) und sicherten ihren Lebensunterhalt durch den Verkauf von Selbstgefertigten Handarbeiten, Untergrund-Magazinen oder durch den Handel mit Drogen. Die Hippies entwickelten ganz eigene Wertvorstellungen, die sich zum Teil sehr radikal von den herrschenden Werten in Amerika unterschieden. Ihre anti-materialistische Philosophie sprach viele junge Leute an, die Schwierigkeiten hatten, sich den Anforderungen des bürgerlichen Lebens anzupassen. Für sie waren die Strukturlosigkeit der Hippiekultur und ihre Abkehr von Konsum, Arbeit und Spiessertum durchaus attraktiv. Sie misstrauten dem politischen Establishment und pflegten ein kritisches Denken.

Die Drogenkultur
Der Drogenkonsum führte zu einer Suche nach Führung und dem Sinn des Lebens, spirituelle Erklärungen wurden gefunden in den Elementen der östlichen Religionen oder westlichen Interpretationen des Zen-Buddhismus. Hippies sahen den Untergang der zeitgenössischen Industrie-Gesellschaft voraus und suchten Rettung im Orient, den Rhythmen der "Mutter Erde", in mythischen Entrückungen mit Hilfe von Drogen (LSD, Marihuana, Heroin, Meskalin, Kokain), mit Hilfe von alternativen Lehrern (z.B. Carlos Castaneda). Drogen wurden zu einem der meist umstrittenen Wegbereiter zur Unabhängigkeit. Während ältere Generationen vorwiegend Alkohol konsumiert hatten, fingen Teenager und College Studenten nun an Marihuana zu rauchen. Neben Marihuana war vor allem die von Albert Hoffman entwickelten Halluzinogene Droge LSD ("Acid") welche von einem auserwählten Kreis von Freaks und Hippies konsumiert wurde. Bewusstseinserweiterung war „In“ und LSD war (zumindest anfänglich) legal. Der Harvard-Universitätspsychologe Timothy Leary begann mit der neuen Droge zu experimentieren und behauptete, Stadien eines "erweiterten" Bewusstseins entdeckt zu haben. Nachdem die Universität Leary wegen unprofessionellen Verhaltens 1963 gekündigt hatte, nahm er die Rolle des "LSD-Gurus" an und gab fortan die Losung aus: "turn on, tune in, drop out." Der Startschuss ins psychedelische Zeitalter war erfolgt.
Der Schriftsteller Ken Kesey kaufte einen alten Schulbus, bepinselte ihn in den wildesten Farben und setzte den Beatnik-Veteranen Neal Cassidy (die Hauptfigur in Kerouacs „On The Road“) ans Steuer und zog mit Gleichgesinnten als „Merry Pranksters“ durch die Lande, immer auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Kesey fand, dass alle auf LSD angetörnt werden müssten und war Mitveranstalter der legendären Acid-Tests. Dort wurden jeweils Unmengen von Acid umsonst an die Leute verteilt, die sich in einem Saal voller Lichteffekte und Projektionen befanden. Alles war erlaubt, den Soundtrack dazu lieferte jeweils die Gruppe Grateful Dead mit 30-minütigen Improvisationen von Blues-Standards.

Die Musik
Zur Verbreitung der Hippie-Ideale (und auch der dazugehörigen Drogen) trugen die Bands aus San Francisco einen wesentlichen Teil bei. Psychedelik- und Folkrockbands schossen überall aus dem Boden, zur Speerspitze gehörten die Grateful Dead (vormals Warlocks), Jefferson Airplane, Quicksilver Messenger Service, die Charlatans, Santana, Big Brother & The Holding Company u.a.
Der Folk der frühen sechziger vermischte sich mit den neuen Klängen aus England, das Acid tat sein übriges, und geboren war der Psychedelic Rock! Ausser Jefferson Airplane schaffte es keine dieser Bands mit einem Single-Hit die Charts zu knacken, sie produzierten in erster Linie Alben, die man als ganzes hören musste. Den grossen Abräumer-Hit landete ein anderer: John Philips, ein cleverer Sangesbruder aus der Folkszene, schreibt mit „California Dreamin’“ die Flower Power-Hymne schlechthin und spielt mit seiner Gruppe The Mamas & The Papas die nette Hippe-Gruppe in den bunten Kleidern. Mit dem Song „San Francisco (Be SureTo Wear Flowers in Your Hair), gesungen von Kollege Scott McKenzie, legt Philips gleich noch einen drauf und sorgt dafür, dass die Stadt und ihre Hippieszene in Windeseile weltbekannt werden. Nachahmungstäter wie die Flowerpot Men lassen nicht lange auf sich warten. Die Popwelt wird plötzlich bunt, Drogenerfahrungen werden besungen und wer nicht rechtzeitig auf Flower Power und Psychedelik umstellt ist weg vom Fenster. Die Beatles ziehen mit und legen unter dem Einfluss von LSD mit „Sgt. Pepper“ ein Meisterwerk an Studiotechnik vor, welches zahlreichen Bands wiederum neue Horizonte eröffnete. Nach dem ersten Drogenrausch richtet sich der Blick der Musiker vermehrt in Richtung Indochina und bezieht zunehmend klare Stellung gegen den Vietnamkrieg der USA.

Die Friedensbewegung
Die Innen- und Aussenpolitik der 60'er Jahre führten bei der amerikanischen Jugend zu einer allgemeinen Politikverdrossenheit. Diese verwandelte sich in eine aktive Friedensbewegung, ausgelöst durch die täglich hereinflutenden Bilder aus Vietnam, wo die USA mit einem acidMaximalaufgebot an Menschen und Technik versuchten, die Welt vor dem Kommunismus zu retten. Das erste grosse Manifest dieser Bewegung findet 1967 mit dem grossen Marsch auf Washington statt. Abbie Hofmann und Ed Sanders versuchten das Pentagon zum schweben zu bringen und die dortigen Dämonen mittels Beschwörung auszutreiben, funktioniert hat es offenbar nicht. Das politische Klima verhärtet sich zunehmend. Hinzu kommt die erstarkte Bürgerrechtsbewegung der schwarzen Bevölkerung, welche die Ermordung von Martin Luther King und Malcolm X hinnehmen müssen. Auch in Europa wächst der Protest gegen den Vietnam-Krieg, Ausschreitungen und Krawalle in Deutschland und Frankreich heizen die Stimmung zusätzlich an. 1970 erreichen die Proteste in den USA ihren Höhepunkt, an der Kent State University werden vier Studenten von Nationalgardisten getötet.

Haight Ashbury und der Anfang vom Ende
In San Franciscos Stadtteil Haight-Ashbury (auch "Hashbury" genannt) blühte seit 1967 eine psychedelische Gegenkultur auf. Die grosse Publicity zog Scharen von Kids aus der ganzen Welt an, die einfach nur aussteigen wollten um den Sommer der Liebe zu geniessen. 1969 kollabierte in Haight-Ashbury das gesamte Hippie-System. Über 100.000 Teenager, die von zu Hause weggelaufen waren, bevölkerten den Stadtteil. Vergewaltigung, Gewalt, Krankheiten und Ausbeutung griffen um sich, so genannte "freak outs" machten die Strassen unsicher. Die verarmten "Street People" begannen ihre "Brüder und Schwestern" durch Diebstahl oder sexuelle Ausbeutung auszunehmen und brachten schlechte Drogen in Umlauf. Viele waren onehin schon längst von Haschisch und LSD auf Amphetamine, Kokain und Heroin umgestiegen. Die Free Clinic, welche Jahre zuvor durchaus dem Ansturm gewachsen war, konnte sich der Flut von hilfebedürftigen nicht mehr erwehren.
Während die Jugendlichen voller Elend die Strassen bevölkern, wird die Hippe-Szene als Touristenattraktion vermarktet. Geführte Bustouren durch Haight-Ashbury gehören zum Pflichtprogramm eines San Francisco Besuchers.
Die Hippiekultur produzierte "Software" - Musik, Texte, Design; doch die "Hardware", die Promotion und den Vertrieb, besorgten andere. Die Wirtschaft begann, die Hippie-Kultur gnadenlos zu vermarkten und zu kommerzialisieren. Ein Markt rund um die Hippie-Kultur entstand; Liebesperlen, Weihrauch, marrokanische Kleider, Blue Jeans, Wasserbetten, "hip"-Kosmetik und "groovy" Haar-Accessoires wurden verkauft. Die Rockmelodien fanden ihren Weg zur Hintergrundberieselung in Supermärkten, die Farborgien der psychedelischen Mode (z.B. Batik) wurden bald von Bekleidungsherstellern als Massenware produziert. Hollywood verdiente mit der Produktion von Filmen, die die rebellische Jugendkultur portraitierten, z.B. The Graduate (1967) oder Easy Rider (1969).
Gipfelerlebnisse der Hippie-Kultur waren die grossen Open-Air Festivals, angefangen mit den Human-Be-In im Golden Gate Park in San Francisco, das Monterrey Pop Festival, dem Free Concert der Rolling Stones im Londoner Hyde-Park, bis hin zu Woodstock, wo sich im August 1969 eine halbe Million Freaks versammelten.
Hendrix, Joplin und Morrison starben alle 1969 innerhalb eines kurzen Zeitraums an den Folgen übermässigen Drogenkonsums. Nur wenige Monate nach Woodstock, starben vier Menschen bei einem kostenlosen Rolling Stones Konzert in Altamont, Kalifornien. Einer der Toten wurde von Mitgliedern der Motorradgang "Hell's Angels", die beim Konzert als Sicherheitskräfte fungierten, erstochen. Charles Manson und eine Handvoll Durchgeknallter Dropouts versteckten sich hinter der Hippie-Fassade, um 1969 in Los Angeles, Beverly Hills, den Mord an sieben wohlhabenden Bürgern, unter ihnen Sharon Tate, zu rechtfertigen. Die Zeichen deuteten es an: der „Summer of Love“ war vorüber, die siebziger Jahre standen vor der Türe, und somit auch ein neuer Zeitgeist.

Auf zu neuen Ufern
Bis zum Jahr 1970 hatte sich die Hippiebewegung in diverseste Fraktionen mit unterschiedlichster Ausrichtung gespalten. Viele zogen sich vollständig aus der Politik zurück, gründeten Kommunen und versuchten im Einklang mit der Natur zu leben. Andere schlossen sich den immer mehr aufkommenden Sekten an oder wendeten sich alternativen Religionen zu. Nachdem die ältesten der 60'er-Generation vom College Campus in den Arbeitsmarkt wechselten, absorbierte die nüchterne Arbeitswelt rasch ihre radikalen Einstellungen und sie wurden Teil des von ihnen einst so verabscheuten Establishments. Die Veränderungen dieser Zeit haben aber durchaus zu einem anhaltenden Wertewandel geführt, der auch heute noch die westliche Kultur prägt.

 
 

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