Hell's Angels

Im Juni 1947 meldet sich im Radiosender aus San Francisco ein aufgebrachter Reporter: "...hier live aus der Hölle von Hollister: Ich kann sie nicht alle zählen. Hundert, Zweihundert, dunkle Gestalten auf Motorrädern. Sie tragen Lederjacken mit der Aufschrift "Booze Fighters". Sie halten die Hauptstrasse in ihrer Gewalt. Sie schlagen aufeinander ein. Sie lachen. Sie umarmen sich und prügeln weiter [...] Einfach so. Die Bewohner von Hollister haben sich verbarrikadiert. Hier herrscht Ausnahmezustand...". Zehn Minuten später ist einer der beteiligten Motorradfahrer am Mikrofon. Auf die Frage, was das ganze soll und warum sie hierher gekommen seien, antwortet dieser: "Das weiss ich nicht, Sir. Ist auch nicht wichtig. Wir fahren ohne festes Ziel. Ziele sind was für Früchtefarmer. Es gibt keine Ziele. Hauptsache unterwegs...". Diese Aussagen wurden die Schlagzeilen des nächsten Tages. Die "Rebellen auf Motorrädern" waren ein neues Phänomen. Ihr Anblick war so neu wie das Fernsehen. Was sie alle verband war ihr Freiheitsdrang und die Liebe zu ihren Maschinen.
Sechs Jahre später wurden die "Booze Fighters" als Vorlage für den Hollywood Film "The Wild One" benutzt. Der Hauptdarsteller wurde jedoch nicht als illusionsloser Outlaw dargestellt, sondern gab sich mit Marlon Brando in dieser Rolle als melancholisch und verträumt. Dieses Bild des verwirrten Halbstarken lieferte den Jugendlichen fortan ein romantisches Abbild ihrer Sehnsüchte. Die "Booze Fighters" verschwanden bald von der Bildfläche. Die amerikanischen Medien - um den Untergang der Jugend besorgt - starteten eine Hetzkampagne, die sich vorallem auf einen Klub konzentrierte: Dem "Hell's Angels Motorcycle Club".
Der erste Hell's Angels Chapter, der Berdoo-Chapter (San Bernardino, Kalifornien) wurde 1950 bei einem grossen Wiedersehen von fünf Jagdfliegern eines Weltkrieg II Geschwaders gegründet. Sie waren anfangs zwanzig, fuhren schwere amerikanische Motorräder, waren süchtig nach Adrenalin seit sie keine deutschen Feinde mehr hatten und wollten auf alle Ewigkeit Brüdern sein. Das berühmte Emblem der Angels, ein behelmter Schädel mit Engelsflügeln, stammt vom Kampfflieger-Ass Hank the Tramp. Nachdem es damals sein Cockpit bei Luftangriffen auf Hamburg geziert hatte, prangte es fortan auf einem Stofffetzen auf dem Rücken der Lederjacken. Inwischen 79-jährig, erinnert er sich: "Die Bullen haben uns alles beigebracht. Es gab nichts zu tun. Die einzige Abwechslung bot die California Highway Patrol. Wir stellten uns an die Hauptstrasse und beobachteten die Cops, die lässig auf ihren brandneuen Harleys sassen und nach Verkehrssündern Ausschau hielten. Die Cops trugen Schirmmützen, nachtschwarze Sonnenbrillen, kniehohe Stiefel und Lederjacken. Genauso wollten wir auch aussehen. Es war eine reine Stilfrage. Wir bewunderten den Look der Motorradbullen. Besonders ihren Umgang mit Maschinen [...] Später gabs zwar nur noch Hass zwischen uns und den Cops. Doch da sassen wir längst auf schnelleren Maschinen und waren die geschickteren Fahrer...".
wol_angels2In den fünfziger Jahren waren die Angels noch nicht so wild und liessen sich noch durch nette Sprüche von den Cops besänftigen. Wochenend- und Hobby-Rocker gingen ihnen ebenso auf die Nerven wie spiessige Autofahrer, welche die Formationsfahrten der Hell's Angels attackierten. Um den Polizei-Harleys und Triumph "Bonneville" oder BSA "Lightning Rockets" der Hobby-Rocker zu entkommen, reduzierten sie an ihren Harleys das Gewicht. Es entstanden die "Chopper", wahre Harley-Kunstwerke. Viel kleinere Tanks, dünne Vorderreifen, überhöhte Lenker, langgezogene und nach oben gebogene Auspuffroher und frisierte Motoren. Nur die gesetzlich erforderlichen Sachen blieben dran - zum Beispiel Rückspiegel, aber nur so gross wie ein Daumennagel.
Die Leute, welche von den Chapter Führern rekrutiert wurden, waren wegen so kleinen Vergehen wie Alkohol oder Marihuana Missbrauch als "Gesetzlose" erklärt worden. Als Hell's Angel konnten sie wirklich zeigen, was ein "Gesetzloser" in Wirklichkeit ist.
Mitte der sechziger Jahre galten die Hell's Angels als der letzte Dreck. Ein Sheriff äusserte sich gegenüber einer Zeitung 1965 so: "Wertloser als Nigger, Kommunisten, und alle bekannten Tierarten zusammen". Dabei bestand ihr Lebensinhalt nur darin, die Coolness der Leute auszutesten. Sie waren zufrieden wenn sie sahen, dass der Schock oder Angst bei den Leuten einsetzte. Wenn sich aber doch jemand mit einem tapferen Schubser wehrte, war es an der Zeit, Köpfe zu zerklopfen. Nur die Hippies, die Freaks aus San Francisco, schienen keine Angst vor ihnen zu haben.
wol_angels1Der Trip der Angels war das Motorrad, der Trip der Hippies das LSD, aber beide lebten für die Gegenwart, das Hier und Jetzt. Für eine kurze Zeit waren diese zwei Gruppierungen sogar befreundet. Keine Underground Party fand in San Francisco ohne die Hell's Angels statt. Sie genossen ihre Reputation, obwohl sie eigentlich nie genau wussten, warum linke und intellektuelle plötzlich gefallen an ihnen fanden. 1968 waren sie auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. Innert drei Jahren kamen sechs Filme ins Kino, die von den Hell's Angels handelten. Bei seinen Lesungen stellte der Poet Allen Ginsberg erstmals Hell's Angels als Türsteher ein - ein Job, der zu ihrer neuen Mission wird. (siehe auch unser Bericht zum Altamont Festival). Künstler, Musiker, Intellektuelle und Stars liessen sich gerne mit Hell's Angels zeigen oder fürs Life Magazin ablichten. Die Angels wussten nicht, was mit ihnen geschah. Auf einmal standen sie auf den Gästelisten, bekamen gratis Bier und LSD und erhielten die Lizenz zum Verprügeln ungebetener Partygästen. 
Doch dann kam die Wende. Bei einer Anti-Vietnam Demonstration von Berkley-Studenten verletzen sie 28 Studenten mit ihren Motorrädern schwer. Sie entschieden sich plötzlich gegen ihre "Freunde" und standen auf der Seite der Cops, die mit Schlagstöcken auf die Demonstranten einschlugen. Sie hatten den ganzen Hippie- und Künstler-Bullshit satt und waren es Leid, als Attraktion für Intellektuelle zu dienen, die ihrer Meinung nach einfach Angst vor dem richtigen Leben hatten. Von da an erlischt die Faszination, die sie auf Hippies ausgeübt hatten. Auch ihnen werden sie nun als Nazis, Aussätzige und Verbrecher genannt. Das ist ihnen jedoch ziemlich egal.

Wie die Hell's Angel Story weiter geht, würde den Rahmen dieser Website sprengen und kann in Büchern oder auf anderen Internet-Seiten nachgelesen werden.


Wie die Hell's Angels der sechziger Jahre beschrieben werden:
Ein Tankstellenbesitzer erinnert sich: "Sie sprachen keine Sprache, es war mehr ein Grunzen. Aus ihren überfetteten Leibern spriessten Pickel und Haarbüschel. Die restliche freie Haut war übersät mit Tätowierungen. Einige trugen prussische Helme oder Trappermützen, Hakenkreuze, eiserne Kreuze und alte Fliegerabzeichen aus dem Zweiten Weltkrieg". Allein mit ihrem Auftreten flossen sie den meisten Leuten grosse Angst ein.
Ein Ex-Groupie erzählt: "Angels stinken, denn sie waschen sich vielleicht einmal pro Monat. Sie tragen verölte Jeans, die sie noch nicht mal zum Schlafen ausziehen. Sie giessen dir Bier über den Kopf, um dich dann zu küssen. Sie nennen dich Mama, und du stehst immer zur Verfügung. Es kann also passieren, dass den Angels das Geld für eine Tankfüllung fehlt. Dann wundere dich nicht, wenn sie dich dem Tankwart für ne halbe Stunde ausleihen..."


Als eine grosse Stütze beim Verfassen dieses Textes diente der Bericht "Engel aus der Hölle", erschienen im Faces Magazin, April 2003, geschrieben von Tom Kummer.
 
 

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