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Radio in England und Europa

Der amerikanische Rhythm & Blues und Rock'n'Roll erfasste Mitte/Ende der Fünfziger Jahre England's Jugend schwer. Der alteingesessene staatliche Radiosender BBC ignorierte oder erkannte das Potential dieser neuen Musik nicht und unternahm wenig, die neuen Einflüsse an die Öffentlichkeit zu bringen, obwohl die britische Jugend geradezu danach schrie.

fluffStattdessen hielte die BBC an der bewährten Formel fest und sendete weiterhin ein Mix aus Soaps, Comedy, Quiz Shows und seichter oder klassischer Musik. Das Sendeprogramm war in erster Linie auf Leute mittleren Alters und die Oberschicht ausgerichtet. Wenn mal was ausgesendet wurde, das versuchte, die Jugend zu erfassen, dann war es vor allem Trad. Jazz und Skiffle, doch wurde es meistens von Leuten moderiert, die sich mit dem Material unwohl fühlten. Anfangs der Sechziger machte die BBC ein paar kleine Eingeständnisse an die neue Musikkultur mit einer Samstag Morgen Show namens "The Saturday Skiffle Club" (später wurde Skiffle gestrichen) und stellte ein paar neue Singles vor am Sonntag Nachmittag. Die Dinge standen etwas besser, als Alan "Fluff" Freeman die Sonntag Nachmittag Sendung "Pick Of The Pops" vom eher besonnen David Jacobs übernahm, doch sein peppiger Stil missfiel dem Unternehmensmanagement und er wurde nicht selten aufgefordert, seinen Ton etwas zu lindern. 1962 kam ein weiteres Programm hinzu: Bei "Teenager's Turn - Here We Go" hatten die Beatles im selben Jahr ihr Radio Debüt.

Es gab wenige Alternativen, um in den Genuss von R&B und Rock'n'Roll zu kommen. Die beste war wahrscheinlich, eine der vielen kleinen Coffee Bars aufzusuchen und die Jukebox anzuwerfen. Ansonsten konnte man noch im Plattenladen Musik hören oder - wer das Glück hatte, in der Nähe der Ostküste zu wohnen - versuchen, Radio Luxembourg (Radio Television Luxembourg aka RTL) am Radio zu finden. Der Sender war in französischen Händen und sandte seit dem Start von Radio Luxembourg 1933 auch ein englischsprachiges Programm auf einer separaten Frequenz aus. Es wurde von Firmen aus England und USA gesponsert, indem sie dort Werbezeit kauften. Das DJ Team vom englischen RTL war ein komplett anderes als das vom französischen Team. Fast alle der grossen europäischen Radio DJ's aus den Sechzigern arbeiteten zeitweise bei Radio Luxembourg. So auch Jimmy Saville, Simon Dee und Kenny Everett. 1965 erhielt Radio Luxembourg schliesslich eine stärkere Sendeantenne, wodurch die Sendung in Südengland problemlos empfangen werden konnte. Die grossen Plattenfirmen wie Decca, Columbia, Philips, Capitol und EMI bezahlten grosse Summen Geld, um 15- oder 30-minütige Blöcke an die Radiostation zu sponsern, um möglichst viele ihrer Musiker und Singles in dieser Zeit an den Hörer zu bringen. Anfangs wurden aus diesem Grund normalerweise nur die ersten dreissig Sekunden oder so gespielt um gleich danach mit einem kurzen gesprochenen Übergang des DJ's zur nächsten Single zu kommen, damit möglichst viele Singles in der gebuchten Zeitspanne Platz fanden.

radio_sutchIn den frühen Sechziger Jahren reagierte man in Europa auf den Mangel an jugend-orientierten Sendungen, indem private Piratensender auf Schiffen vor den Küsten in internationalen Gewässern unlizenziert das ausstrahlte, was die Jugend hören wollte. 1960 startete als erster Piratensender Radio Veronica und schliesslich Radio Nord, Radio Mercur und Radio Syd, welche skandinavische Länder abdeckten. Belgien hatte für kurze Zeit Radio Antwerpen sowie Radio Veronica und Radio Nordzee, die in die ebenen Gebiete um Holland sendeten. Die Stärke des Signals reichte jedoch selten aus, um England damit zu bedienen.

Weil dort BBC versagte und ersten Piratensender kaum hörbar waren, war die weitere Entwicklung absehbar. Zum einen begann man darum zu kämpfen, lizenzierte private Radiostationen auf dem Festland errichten zu können. Manx Radio, England's erster Privater Radiosender, strahlte 1964 nach 2-jährigen zähen Verhandlungen mit der Regierung erstmals von der Isle of Man aus. Ab 1965 konnte durfte der Sender statt mit nur 50 Watt nun mit 2 Kilowatt senden. Somit konnte der Sender in weiten Teilen Nordenglands empfangen werden und nicht nur auf der Isle of Man. Doch die wichtigste Art und Weise, wie sich radio_fortsPopmusik in England bis 1967 verbreiten konnte (nebst dem Verkauf von Schallplatten), waren die Piratensender, die nun auch zahlreich vor der Küste Englands auftauchten und denen diejenigen vor Skandinavien und Holland als Vorbild dienten. Die grössten und wichtigsten der Richtung London und England sendenden Stationen waren Radio Caroline North, Radio Caroline South, Radio London und Radio City. Nicht alle Piratensender sandten von Schiffen aus. Einige richteten sich auch auf alten Militärforts ein, welche im Zweiten Weltkrieg im Osten vor dem Auslauf der Themse gebaut wurden.

Bis 1967 beschränkte sich das Verbreiten von Popmusik fast ausschliesslich auf Piratensender. Der Marine Offences Act von 1967 war schliesslich verantwortlich für die Schliessung der meisten Piratensender. Das Gesetz, welches etwa ein Dutzend europäische Länder unterzeichnete, verbot das unlizenzierte Senden von Radiosignalen in internationalen Gewässern oder Lufträumen. Nur noch Radio Caroline North und South sendeten weiter. Als ob sie endlich realisiert hätten, was für ein Hörpotential für die Jugendlichen vorhanden war, kündete BBC im Dezember 1966 ihre Umstrukturierungen an. Aus den drei alten BBC Kanälen Home Service, Network 3 und Light Programme wurde nun Radio 4, Radio 3 und Radio 2. Neu war BBC Radio 1, vorangetrieben von einem grossen Werbefeldzug. Radio 1 knüpfte dort an, wo radio_carolinesouthdie Piratensender aufgehört hatten. Ironischerweise war die erste Stimme, die zu hören war, die von Tony Blackburn, der vorher für Radio Caroline, Radio London und Radio Luxembourg tätig war. Nach seiner Eröffnungsrede folgte The Move's "Flowers In The Rain". Radio 1 beschäftigte etwa 33 Disc Jockeys (bei den Hörern bekannt als "Presenters"), wovon mehr als die Hälfte Ex-Piraten waren. Da 11 davon von Radio London kamen, hatte Radio 1 auch die Tendenz, ähnlich wie Radio London aufgemacht zu sein, bis hin zum Sound der Jingles. Die führendsten DJ's waren Pete Murray, Alan Freeman, Jimmy Saville und David Jacobs. Sogar der frühere Ober-Pirat und Rebell von Radio Caroline, Johnnie Walker, stiess im May 1969 zu Radio 1.

1967 kamen ein paar sendeschwache Lokalradios hinzu: Radio Sheffield, Radio Merseyside und Radio Leicester. So konnten die lokalen Bedürfnisse abgedeckt werden. Ab 1969 vergab die Regierung weitere 12 Radiolizenzen für lokale Sender. Sie waren aber immer noch der staatlichen BBC unterstellt. 1973 begannen schliesslich endlich private Radiosender zu senden.

Der berühmteste aller Radio DJ's: John Peel
John_PeelJohn Ravenscroft begann seine Berufskarriere als Bürobote in Dallas Anfang der sechziger Jahre, und präsentierte ab 1961 eine R&B Sendung bei Radio WRR in Dallas. Dank seines Liverpooler Akzents wurde er Beatles-Experte beim Radio (und daraufhin als Ersatz-Beatle von Horden junger Texanerinnen verfolgt). Dann war er Teil der frühen Hippie-Szene in Kalifornien, wo er von 1963 bis 1966 lebte. Nach seiner Rückkehr nach England war er DJ beim Piratensender Radio London, wo ihm eine Sekretärin den eingängigen Namen John Peel verpasste. Die BBC heuerte ihn 1967 für ihren neuen Musiksender Radio 1 an und liess ihn seither gewähren. Kaum bei Radio 1, kreierte er die Kultsendung "Perfumed Garden". Es folgten "Top Gear" und auf Radio 2 "Night Ride". John Peel machte bis zu seinem Tod im Oktober 2004 in Peru regelmässig Radio Shows und gilt weltweit als der beste Radio DJ aller Zeiten. Nicht selten hat eine gute Kritik von ihm eine noch namenlose Band zum Durchbruch verholfen.
 
 

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